
----------------------------------------------------
Per Seilbahn zum Potsdamer Telegrafenberg
Neuer Campus für die Universität: Präsident Günther drückt aufs Tempo
INTERVIEW VON JENS PETER PAUL FÜR STATEMENT MEDIA
Potsdam, 1. Januar 2026 - Professor Oliver Günther (64), Mathematiker, Wirtschaftsinformatiker und Präsident der Universität Potsdam, hat Statement Media kurz vor Weihnachten 2025 in seinem Dienstzimmer ein Interview gegeben, das ursprünglich seine Idee zum Anlass hatte, zum künftigen Campus Brauhausberg eine Seilbahn zu bauen, sich dann aber, wie es bei uns häufiger passiert, zu einem ausführlichen Jahresrück- und -ausblick entwickelte und auch seine Biografie streifte.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - -
Jens Peter Paul: Herr Professor Günther, vielen Dank, dass Sie sich zum Jahresausklang Zeit für dieses Interview nehmen. Thema: Brauhausberg, ein neuer Campus, der vierte wäre das dann für die Universität Potsdam. Haben Sie schon Bekundungen des Neides oder auch Glückwünsche von anderen Universitätspräsidenten bekommen dafür, dass Sie hier einen neuen Campus vielleicht nicht regelrecht geschenkt bekommen, aber doch auf jeden Fall die Aussicht haben, dank eines Mäzens hier ein ganz neues Stadtviertel für Ihre Universität aus dem Boden zu stampfen? Das gibt es ja nicht alle Tage, schon gar nicht in Deutschland.
Professor Oliver Günther: Nein, das gibt es wirklich nicht alle Tage. Der letzte neue Campus, der für eine öffentlich-rechtliche Universität errichtet wurde, war in Frankfurt am Main der neue Campus Westend mit dem ehemaligen IG-Farben-Haus als Kern, ein Prozess, der 1996 mit dem Erwerb durch das Land Hessen begann und nach sechs Jahren Planung und denkmalgerechter Sanierung des historischen Poelzig-Baus die Johann Wolfgang Goethe-Universität sehr glücklich machte. Es ist also schon etwas sehr Ungewöhnliches, was sich hier jetzt bei uns tut, und wir sind sehr froh darüber, dass sich Hasso Plattner zu diesem Schritt entschieden hat.
Von Neid möchte ich bei den Reaktionen anderer Universitäten nicht sprechen, höchstens scherzhaft nach dem Motto "Wow, so etwas hätten wir hier auch gerne", das hört man natürlich. Aber so etwas lässt sich nicht reproduzieren. Und auch eine Frage "Wie können wir sowas auch bei uns hinkriegen?" lässt sich nicht einfach beantworten. Das war jetzt bei uns das Zusammenkommen von vielen Umständen; natürlich war auch Glück dabei, wie immer. Aber vor allem die jahrelange vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Herrn Plattner und seiner Stiftung hat sich jetzt eben so niedergeschlagen, dass nochmal eine Schippe draufgelegt werden soll, und zwar eine ganz dicke, und deswegen haben wir diese sehr einmalige Situation, dass wir nun mitten in der Stadt einen neuen Campus schaffen.
Das Einzige, was vielleicht in den Größenordnungen vergleichbar wäre, ist Heilbronn - was dort gerade passiert dank der Schwarz-Stiftung. Nur ist deren Orientierung eine ganz andere. Gemeinsam ist beiden Vorhaben der Plan von Deutschland als KI-Standort, der Künstlichen Intelligenz, in Heilbronn sogar der ausschließliche Fokus. Bei uns wird hingegen durch den neuen Campus auf dem Brauhausberg Platz geschaffen am Griebnitzsee. Dort werden die Informatik und die Künstliche Intelligenz mit der Hasso-Plattner-Stiftung zusammen weiter hochfahren.

Informatik am Griebnitzsee braucht Platz
Zu Fuß vom Bahnhof keine Lösung für alle
Paul: Wer ist denn auf die Idee gekommen mit dem Brauhausberg? Haben Sie schon immer mal einen verliebten Blick auf diese Ruine - spätestens seit der Brandstiftung war es ja eine Ruine des ehemaligen Landtags - geworfen und gedacht "Verdammte Hacke, das wäre auch was für eine Erweiterung meiner Universität!" oder wie ist das entstanden?
Günther: Na, dass der Platz knapp wird am Griebnitzsee, das wissen wir ja schon lange. Herr Plattner und seine Stiftung haben dieses Modell einer gemeinsamen Fakultät - die Digital Engineering Fakultät, die wir 2017 auf den Weg gebracht haben - sehr positiv wahrgenommen und Herr Plattner will Deutschland als Informatikstandort weiter stärken. Das wiederum bedeutet: Wir brauchen mehr Professuren, mehr Studierende und damit mehr Platz am Griebnitzsee. Das alles wissen wir schon seit vielen Jahren.
Und da geht es nicht um einzelne kleine Häuslein, die man umwidmen kann, wobei ich gar nicht wüsste, wie "umwidmen" gehen soll, weil die beiden großen Fakultäten da ihre Platzbedarfe auch haben. Wir haben am Griebnitzsee etwa 6000 Studierende in der Juristischen und in der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät plus 1000 Studierende in der mit Hasso Plattner getragenen Digital Engineering Fakultät. Das sind die Größenverhältnisse. Da ist nicht viel Luft.
Deswegen stand die Frage "Gibt es eventuell noch eine ganz andere Liegenschaft, die passen würde?" im Raum. In der Stadt erschienen immer wieder mal Optionen, aber irgendwann war klar: Der Brauhausberg käme auch in Frage, nachdem die Pläne, dort Wohnungen zu errichten, sich nicht haben umsetzen lassen.
Wir haben uns daraufhin im April, Mai dieses Jahres 2025 überlegt, ob dieses Areal etwas für die Universität Potsdam wäre. Ich bin dann auch mal Probe gelaufen vom Hauptbahnhof rauf und wieder runter und habe das angeschaut von außen und auch von den Flächen her. Ergebnis: Es schien alles so weit zu passen, die Flächen sind ja schon wieder ein bisschen knapp, aber grosso modo hatte es gepasst.
Dann haben wir relativ schnell Nägel mit Köpfen gemacht, weil auch die Landesregierung uns umgehend sehr stark unterstützt hat in diese Richtung und letztlich war dann auch die Stadt an Bord. Und nun sind alle glücklich, dass wir diese tolle Fläche da oben jetzt neu bespielen.
Paul: Wem gehört diese tolle Fläche denn?
Günther: Die gehört zum Teil bereits dem Land und zum anderen Teil, inklusive des Altbaus, einem Potsdamer Immobilienunternehmer, mit dem wir eng zusammenarbeiten...
Paul: ...der aber dort seine eigenen Pläne hatte, die sich zerschlagen haben. Dieser Unternehmer stellt sich aber jetzt nicht quer, sondern er ist froh, wenn er sein Eigentum in eine andere vernünftige Verwendung überführen kann - oder wie muss man sich das vorstellen?
Günther: Es stellt sich in der Tat niemand quer, weil es einfach ein super Projekt ist. Die Frage ist, wie man das ganze Vorhaben so gestalten kann, dass die Interessen aller Parteien gewahrt werden. Ein Bauunternehmer will da etwas Schönes hinstellen. Er will natürlich auch Geld verdienen, das ist völlig legitim. Die Stiftung will etwas schaffen, was ein echtes Vermächtnis darstellt und zeigt, wie optimale Bedingungen für Forschung, Lehre und Transfer geschaffen werden können.
"Eventuell trete ich nochmal an"
Wir wollen als Universität auf dem Brauhausberg in der Tat einen Campus bauen, der im 22. Jahrhundert Bestand hat für modernste Forschung und Lehre. Alle wollen, dass aus dieser Ruine, wie Sie ja richtig gesagt haben, wieder etwas entsteht, das dann da oben auf dem Berg wirklich strahlt. Insofern passen viele Interessen zueinander. Es gibt keine harten Interessensgegensätze.
Aber es muss eben geschaut werden: Welche Grundstücke müssen wie übertragen werden? Welches Geld fließt wo hinein? Wie kommen wir innerhalb von fünf Jahren, das ist unser Ziel, zur Eröffnung dieses neuen Campus da oben? Erst dann können ja die beiden großen Fakultäten vom Griebnitzsee umziehen.
Paul: Fünf Jahre, also 31. Dezember 2029, möglicherweise Ihr letzter Arbeitstag hier...
Günther: Ja (rechnet leise) 31.12.2029. Das wäre das Ende der laufenden Amtsperiode …
Paul: ...dass Sie als letzte Amtshandlung auf dem Brauhausberg das Band durchschneiden?
Günther: Stimmt, ich bin gewählt bis 31. Dezember 2029. Bis dahin wird der Campus noch nicht fertig sein, leider. Insofern: Entweder trete ich nochmal an oder es macht halt eben jemand anderes.
Paul: Das wollte ich hören, ob diese Option wenigstens für Sie besteht.
Günther: Ja, rechtlich besteht die und ich meine, wenn ich gesund bleibe, muss ich auch nicht ausschließen, noch einmal anzutreten. Aber ob ich dann gewählt werde, wissen wir ja nicht.
Paul: Ja, da gibt's ja gelegentlich auch Überraschungen, wie man aus Berlin weiß.
Günther: Genau.

Möglicher Verlauf einer Seilbahn vom Hauptbahnhof zum Telegrafenberg
© Illustration: Grüntuch Ernst Architekten
50 neue Professuren für das HPI
KI ändert Studium und Beruf radikal
Paul: Im Moment scheinen Sie noch fest im Sattel zu sitzen. Die Prognose eines Welt-Journalisten vor zwei Jahren, dass er sich gar nicht vorstellen könne, wie Sie im Amt bleiben könnten nach Ihrer kritischen Aussage zur israelischen Siedlungspolitik, hat sich nicht so recht erfüllt, wenn ich das richtig sehe.
Zurück zum Thema. Um wieviel Geld geht es hier, wieviel Geld wird Hasso Plattner ausgeben?
Günther: Wir haben vereinbart, keine Geldbeträge zu nennen. Man kann sich ja sehr schnell Summen zusammenreimen, wenn da oben für 6000 Studierende gebaut wird. Und je nachdem, ob Sie die Wohnheime noch dazu rechnen, die ja auch alle wollen, kommt noch einiges dazu. Also reden wir über 25.000 bis 30.000 Quadratmeter.
Wenn Sie das dann mit den üblichen Sätzen berechnen, dann sehen Sie, dass hier sehr schnell ein dreistelliger Millionenbetrag, und zwar nicht am unteren Ende des dreistelligen Bereiches, fällig wird. Dazu kommt natürlich noch der geplante Ausbau am Griebnitzsee. Dazu kommen weitere 50 Professuren in der Digital Engineering Fakultät.
Paul: 50 zusätzliche Professuren? Ich habe zuletzt etwas von 40 gelesen.
Günther: Nein, wir wollen von 32 Professuren auf 80. Also wenn Sie das alles addieren, dann sind Sie ganz weit im dreistelligen Millionenbereich.
Paul: Und der Campus Griebnitzsee wird dann ganz an Hasso Plattners Interessen gehen? Dort wird in Zukunft von den anderen Fakultäten der Uni Potsdam nichts mehr stattfinden?
Günther: Nein. Der Campus Griebnitzsee bleibt ein Campus der Universität Potsdam, aber ausschließlich genutzt durch die Digital Engineering Fakultät, die wiederum ein gemeinsames Kind ist von Uni und Hasso Plattner Foundation.
Das ist ein etwas kompliziertes Konstrukt, das wir 2017 etabliert haben: Die Universität als öffentlich-rechtliche Institution und die Hasso Plattner Foundation, vertreten durch das Hasso-Plattner-Institut, haben ein gemeinsames Baby, das ist die Digital Engineering Fakultät (DEF). Es ist die sechste Fakultät der Universität; sie wird aber vom HPI in hoher Autonomie verwaltet.
Das soll auch so fortgeführt werden, aber natürlich können da keine Professuren oder Studiengänge eingerichtet werden ohne Zustimmung der Universitätsleitung. Also die DEF ist autonom, autonomer als eine reguläre Fakultät, aber sie ist immer noch eine Fakultät der Universität. Und deswegen bleibt der Griebnitzsee ein Campus der Uni Potsdam, aber - wie Sie sagen - künftig ausschließlich gedacht für die Digital Engineering Fakultät, die dann von 1000 auf 2000 Studierende und von gut 30 auf 80 Professuren anwachsen soll.
Paul: Klären Sie mich mal auf, ich bin über die aktuelle Lage nicht ganz im Bilde: Der Andrang, das Interesse von jungen Männern und Frauen, Informatik zu studieren - da muss sich Hasso Plattner keine Sorgen machen? Der wird anhalten? Der wird auch angesichts der Studienplätze, die er in Zukunft zusätzlich anbieten will, möglicherweise sogar noch steigen?
Günther: Ich bin ja selbst Informatiker und insofern muss ich erst einmal sagen: In Deutschland insgesamt ist die Nachfrage nach Informatikstudienplätzen nicht so hoch, wie ich mir das eigentlich wünschen würde. Ich würde mir wünschen, dass noch mehr junge Menschen den Weg in die Informatik finden an unsere Universitäten und Hochschulen für angewandte Wissenschaften, in die duale Ausbildung oder auch in die Facharbeiterlaufbahn.
Die Informatik bietet viele Einstiegsmöglichkeiten und wir haben in Deutschland - das gilt auch für viele andere europäische Länder - nicht genügend Nachwuchs. Weil das Fach als schwer empfunden wird, weil es als männerdominiert empfunden wird.
Ja, vor allem mehr junge Frauen sollten in die Informatik gehen, wenn es nach mir ginge, aber ich kann das nicht erzwingen. Im Hasso-Plattner-Institut und damit in unserer gemeinsamen Fakultät haben wir dieses Problem nicht, die Nachfrage nach diesen Studienplätzen ist sehr hoch, denn es ist eine der besten Informatikausbildungen in der ganzen Republik. Das sage ich nicht, weil ich der Präsident hier bin, sondern das ist einfach so, das wissen auch alle.
Paul: Gibt es hier einen Numerus Clausus?
Günther: Da gibt es einen NC. Sie haben hier fast nur Leute, die ein 1,0- oder 1,1-Abitur haben. Der Prozentsatz der Studienstiftler, also von der Studienstiftung geförderter junger Leute, ist extrem hoch, ich glaube fast zehn Prozent. Also das sind sehr, sehr gute junge Menschen, sehr hoch qualifizierte junge Menschen, die bei uns den Weg in die Informatik finden. Dazu kommt Schritt für Schritt ein steigender Ausländeranteil, weil wir im Masterbereich jetzt auch auf Englisch umgestellt haben.
Kurzum: Das sind wirklich Top-Leute, die aus der ganzen Welt hierherkommen und ihren Master oder ihren Bachelor - diesen noch auf Deutsch - machen. Anschließend geht es weiter mit der Promotion, dann kommen viele junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hierher für ihre Postdoc-Phase und so weiter und so weiter.
Potsdam ist ein Spitzenstandort und deswegen haben wir kein Problem in der Nachfrage. Im Augenblick haben wir 1000 Studienplätze und wir fahren auf 2000 hoch. Aber im Hinblick auf deren Qualität wird kein Kompromiss notwendig sein.
Paul: Diese jungen Leute müssen keine Angst haben, dass ihre Jobs in drei Jahren durch Künstliche Intelligenz überflüssig werden?
Günther: Das ist eine sehr gute Frage. Das Berufsbild des frischgebackenen Informatikers, der Informatikerin wird sich natürlich wandeln. Das klassische Berufsbild des Programmierers wird zurückgehen, weil viel Standardprogrammierung von den Large Language Models übernommen oder jedenfalls stark unterstützt wird.
Es wird deshalb zunehmend darum gehen für Informatiker, ganze Systeme zu betrachten, Prozessabläufe, Produktionsabläufe, also eigentlich das, was ich als Wirtschaftsinformatiker von jeher gewohnt bin. Weg aus der rein technischen Bubble und ein Verständnis...
Paul: ...ganzheitlich...
Günther: ...ja, ich wollte das Wort nicht benutzen, aber Sie haben recht, da passt es, ein ganzheitliches Verständnis von Abläufen und wie Informatik da unterstützen kann. Und das geht dann auch so weit, dass auch die ganzen sozialen Auswirkungen der Informatik berücksichtigt werden müssen. Das treibt mich auch schon seit Jahrzehnten um.
Ich habe schon als Doktorand in Berkeley ein Seminar begründet: Social Implications of Computing. Viele empfanden das damals als Zeitverschwendung, doch die vergangenen Jahrzehnte haben gezeigt, wie Informatik die Gesellschaft, soziales Zusammenleben und natürlich auch betriebliche Abläufe massiv verändert. Und dieses Denken im ganzheitlichen Sinne wird immer wichtiger. Da sind Informatiker gefragt, weil sie das technische Verständnis haben. Das Informatikstudium ist ja immer noch ein primär technisches. Algorithmen, Komplexitätstheorie, Rechnerarchitektur, Softwarearchitektur.
Soziale Kompetenzen entscheidend
Paul: Aber Informatiker müssen auch soziale Kompetenzen haben.
Günther: Genau, Informatiker müssen auch soziale Kompetenzen haben. Das hat auch Herr Plattner sehr früh schon erkannt und es spielt in den Curricula eine Rolle und wird in Zukunft vielleicht noch eine etwas größere Rolle spielen.
Paul: Hat die KI-Entwicklung schon durchgeschlagen auf die Lehrpläne hier in Potsdam?
Günther: Ja, sicherlich. Wobei es für alle Hochschulen dieser Welt eine Herausforderung ist, die Lehrplanung...
Paul: ...als Operation am offenen Herzen...
Günther: ...so schnell am offenen Herzen anzupassen, wie die KI sich entwickelt. Die Kolleginnen und Kollegen sind wahrlich nicht faul, aber es tut sich alle paar Monate etwas.
Sie hatten das Beispiel mit der Computerprogrammierung angesprochen. Es ist wirklich atemberaubend, welche Komplexität in der Programmierung inzwischen von Large Language Models erzielt wird. Und die Programme müssen dann hinterher natürlich noch getestet werden, weil auch da sogenannte Halluzinationen möglich sind. Die dann zu Code führt, der sogar ausführbar ist, aber vielleicht gar nicht das macht, was er soll...
Paul: ...sondern im Gegenteil haarsträubende und manchmal auch gefährliche Ergebnisse liefert.
Günther: Genau. Da ist auch noch viel zu tun. Aber die Systeme werden immer besser und sie werden immer effizienter. Was ist besser, was ist gut? Das ist aber natürlich immer die Frage.
Jeder Lehrende – das gilt für die Schule ebenso wie für die Hochschule – muss sich Gedanken machen: "Was bedeutet das eigentlich für meine Lehrplanung? Was will ich den jungen Menschen eigentlich mitgeben? Macht das noch Sinn, was ich letztes Jahr gelehrt habe? Oder kann ich das, was ich lehren will, auch nochmal anders lehren?"
Also das sind große Herausforderungen und da sind auch viele Menschen, viele Lehrerinnen und Lehrer überfordert. Ich meine, wir haben in Deutschland 800.000 Lehrerinnen und Lehrer an den Schulen. Also, die alle so schnell weiterzubilden, ist gar nicht möglich.
Vorschlag zur Architektur des künftigen Campus Brauhausberg
Im Hintergrund mit Turm zur Stadt der zu sanierende Altbau, der einst den Landtag beherbergte, später aber abgebrannt ist.
Illustration: Grüntuch Ernst Architekten

"Nichts kann so bleiben, wie es ist"
Comeback der mündlichen Prüfung
Paul: Die Lehrer müssen das auch...
Günther: ...erst einmal wollen, ja. Also das ist eine große Herausforderung. Aber zurück zu Ihrer Frage "Werden die hochschulischen Lehrpläne angepasst?" Ja, natürlich, aber manchmal nicht so schnell, wie ich mir das wünschen würde. Klar ist: Nichts kann so bleiben, wie es ist.
Paul: Aber Sie haben schon den Ehrgeiz, Ihre Studentinnen und Studenten nicht ins Leben zu entlassen mit einem Wissen, mit dem sie dann plötzlich nichts mehr anfangen können? Das wäre doch eine Katastrophe.
Günther: Ich habe das schon in meinem Buch („Die diverse Universität“, Passagen_Verlag) vor einem Jahr beschrieben. Alleine die Art und Weise, wie wir Texte erstellen - die hat sich in den letzten Jahren fundamental verändert.
Paul: Zum Teil sind die Texte von KI, entweder selbst erstellt oder von KI überprüft, blendend. Da finden Sie keinen Fehler.
Günther: Genau. Sie haben mir ja einen Text zum Thema Seilbahn zukommen lassen. Da sieht man, was an Faktenreichtum eingebaut und wie das präsentiert wird. Am Schluss bleibt vielleicht noch der Liebesbrief offen, der nur teilweise von KI produziert wird.
Paul: Schauen Sie einmal, wie Tierschutzvereine, wie die Tierheime auf Facebook innerhalb weniger Wochen ihre ganze PR umgestellt haben. Wenn die zwei verlassene Kater unter die Leute bringen wollen, entstehen grammatikalisch mit korrekter Interpunktion erstklassige, rührende Texte, dass einem ganz weich ums Herz wird, was vor kurzem noch interpunktionsfreies Gestammel gewesen wäre. Selbst was Liebesbriefe angeht, muss man inzwischen aufpassen, dass man nicht irgendwelchen Maschinen aufsitzt.
Günther: Ja, also viele KI-generierte Liebesbriefe sind wahrscheinlich schon jetzt zielführender als die selbstgeschriebenen (lacht). Auch das ist leider schon wahr. Und das kratzt natürlich am menschlichen Selbstbewusstsein.
Im hochschulischen Kontext: Die klassischen Übungen, Erstellen eines Essays, um überhaupt zugelassen zu werden, wie das nicht in Deutschland, aber in vielen Ländern üblich ist, dann das Lernen, das Schreiben von Essays während des Studiums, Hausarbeiten oder in technischen Disziplinen das Erstellen eines technischen Papers, das dann später publiziert werden soll - all das ist ja jetzt schon massiv KI-unterstützt. Und deswegen machen manche Formate keinen Sinn mehr.
Einen Studienbewerber zu bitten, ein Essay einzureichen, der wird natürlich von KI geschrieben und sagt dann nur noch bedingt etwas darüber aus, wie dieser Student oder dieser Schüler zu meiner Hochschule passt. Da müssen also andere Formate her. Die mündliche Prüfung wird deshalb künftig wieder eine wesentlich stärkere Rolle spielen, weil ich damit einen Menschen eben anders erfassen kann als in Schriftform.
Paul: Um ihm auf den Zahn zu fühlen, um zu gucken, wie dieser Mensch tickt, wie er reagiert auch auf unvorhergesehene Fragen vielleicht. Also die Persönlichkeit wird wieder in den Vordergrund treten?
Günther: Ja. Und das sage ich als jemand, der als Student mündliche Prüfungen gehasst und der auch als Professor vor allem auf schriftliche Formate gesetzt hat, weil es mir sowohl als Student wie auch als Professor nicht gefallen hat, welche emotionale Dimension damit reinkommt, die vielleicht vom Fachlichen ablenken kann.
Ich meine, da spielt auch Bias eine Rolle, also Voreingenommenheit, bewusste und unbewusste. Wenn ein Student ein bisschen anders aussieht als der Durchschnitt, das könnte dann vielleicht in der Vergangenheit so manchen Professor davon abgehalten haben, die Leistung objektiv wahrzunehmen.
Oder was wir alle aus der Schule kennen. Ich bin ja in den 70er Jahren in die Schule gegangen. Die Kinder von sogenannten Gastarbeitern wurden von vielen Lehrern nicht für voll genommen. Und die wurden dann auch nicht aufs Gymnasium geschickt. Die Geschichte von Cem Özdemir und so weiter.
Selbst hochbegabte junge Menschen, die nicht weiß waren, auch Mädchen wurden teilweise damals noch benachteiligt, die wurden anders beurteilt einfach aufgrund des persönlichen Eindrucks. Das kann in der schriftlichen Prüfung so nicht passieren, wenn anonym getestet wird.
Insofern haben wir das Dilemma, dass wir jetzt wieder stärker auf persönliche und mündliche Formate zurückgreifen wollen, weil sich anders die Vieldimensionalität, die Begabungen, die Kenntnisse eines Menschen nicht wirklich ermitteln lassen.
KI - ein Fortschritt mit Tücken
Paul: Sie wollen und müssen also verhindern, dass Bewerberinnen und Bewerber durchs Raster fallen, die sie eigentlich gerne haben möchten, und umgekehrt. Dass eine Fehlauswahl stattfindet.
Günther: Sowohl Fehler der ersten als auch der zweiten Art muss man vermeiden. Dass Leute, die eigentlich nicht hinreichend qualifiziert sind, positiv beurteilt werden. Und dass Menschen, die absolut qualifiziert sind, aber vielleicht anders aussehen oder anders agieren als der Durchschnitt, deswegen benachteiligt und schlechter beurteilt werden.
Paul: Mein Eindruck von der KI ist, dass man, je sicherer man sein will, nicht getäuscht zu werden von den Ergebnissen, um so mehr von dem Thema verstehen muss.
Günther: Ja.
Paul: Es geht nicht nur darum, die richtigen Prompts einzugeben, sondern auch mindestens eine Plausibilitätsprüfung zustande zu bringen, ob das, was einem da serviert wird auf dem Bildschirm...
Günther: Ja. Genau.
Paul: ...ob das auch nur theoretisch funktionieren wird und stimmen kann.
Günther: Genau. Bei Software gibt es das Software-Testing. Das ist eine eigene Disziplin. Und man muss natürlich dann diese computergenerierten Codes noch sorgfältiger und umfassender testen als vom Menschen generierte. Bei Software-Code weiß man ziemlich gut, wie das geht mit dem Testen. Bei technischen Papieren, Stichwort Seilbahn, muss hinterher ein Experte, eine Expertin drüber gucken, um sicherzugehen, dass sich die KI da nicht vergaloppiert hat.
Daran wird natürlich auch gearbeitet, weil KI-generierte Texte zunehmend von auf gesichertem Wissen basierenden Systemen gecheckt werden, aber es ist auch immer noch viel in Bewegung.
Großrechner als Heizung für Campus
Paul: Ist das für Sie eine Option oder sogar ein Desiderat, auf dem neuen Campus Brauhausberg auch einen Großrechner zu installieren, der vielleicht auch KI entwickeln oder verarbeiten kann?
Günther: Der Rechner muss ja nicht da oben stehen. Das kann er aber, wenn man ihn in ein Klimakonzept einbettet. Ein Rechner ist ja nicht nur ein Rechner, sondern auch eine Heizung.
Paul: Eine Heizung brauchen Sie auf jeden Fall.
Günther: Wir brauchen eine Heizung, wir brauchen eine Kühlung.
Paul: Und dann brauchen Sie ein Atomkraftwerk für den Strom.
Günther: Das wollen wir sicherlich nicht da oben bauen. Wir werden auch sehen, was Herr Plattner und seine Stiftung am Griebnitzsee installieren möchten. Aber wo das Ding steht, ist für die Rechennutzung, die Rechenleistung nicht relevant. Es ist aber in der Tat wichtig für die Klimafolgen, weil die Hitze eben da entsteht.
Deswegen denken wir in der Tat drüber nach, ob es Sinn macht, dort Rechenleistung anzusiedeln und diese in ein Klima- und Kühlungskonzept einzubetten. Deswegen ja auch die Idee eines Eisspeichers, also ein Beispiel, wie sich solche Kälte-Wärme-Systeme modern gestalten lassen, Wärmepumpen und so weiter und so weiter. Das spielt natürlich alles zusätzlich eine Rolle.

Idee: Durchgehende Ebene des Berg-Campus per "Sockelzone"
Schnitt aus zwei Himmelsrichtungen.
Illustration: Grüntuch Ernst Architekten
Woher die Idee mit der Seilbahn?
Bahnhof - Brauhausberg - Telegrafenberg
Paul: Nun haben wir unten, am Fuße des Bauhausberges, den Hauptbahnhof und Hauptverkehrsstraßen und oben in Zukunft 6000 Studienplätze und die Studentinnen und Studenten und die Lehrkräfte und das ganze Personal müssen irgendwie hoch und hinunter kommen. Straßenbahn ist ein bisschen schwierig da hoch. Auf Busse will man eigentlich nicht mehr setzen. Im Verkehrschaos von Potsdam ist dieses Konzept wahrscheinlich überholt. Wie lösen Sie dieses Problem?
Günther: Das hat mich natürlich von Anfang an beschäftigt. Ich habe ja erzählt, als Ende April, Anfang Mai die ersten Gespräche in sehr kleinem Kreis geführt wurden über mögliche Standorte, eben auch dann über den Brauhausberg, bin ich selbst ein paarmal testgelaufen. Inkognito rauf und runter. Und vom Bahnhof, vom Bahnsteig hinauf brauche ich elf Minuten und dann wieder hinunter neun.
Ich bin zwar jetzt nicht der Allerjüngste, aber ich bin gut zu Fuß. Das wird aber nicht für alle 6000 Studierenden und 1500 Mitarbeiter so funktionieren. Vor allem nicht im Winter, bei Dunkelheit. Also wird man sicherlich eine Erschließung mit öffentlichem Nahverkehr benötigen.
Sie haben es ja schon gesagt: Straßenbahnen, Zahnradbahnen, schwierig. Busse - nun, in fünf Jahren werden das keine Busse, sondern es werden autonome Vehikel sein, die rauf und runter fahren. Das ist aber auch von der Kapazität her nicht so einfach. Was käme noch in Frage?
Und da hatte ich die Idee mit der Seilbahn. Warum hatte ich die Idee? Aufgrund der Topographie, aufgrund der Tatsache, dass Seilbahnen anderswo gerade sehr erfolgreich eingesetzt und eingeweiht werden. Hier liegt die Zeitung aus Paris von letzter Woche.
Weiter aufgrund der Tatsache, dass es nicht so teuer ist, wie viele meinen. Aufgrund der Tatsache, dass es einfach hohe Kapazität bringt. Und aufgrund der Tatsache, dass es die Möglichkeit eröffnet, vom Bahnhof über diesen unsäglichen Bahnhofsvorplatz hinüber zu schweben. Das ist nämlich kein einfacher Platz zu überqueren, noch dazu unendlich hässlich. Aber da würden wir drüber schweben und dann würde man eben auch noch andere Standorte erschließen können. Als erstes auf der Strecke liegt nämlich das Museum Minsk.
Paul: Wem gehört das nochmal?
Günther: Das hat Herr Plattner gebaut, genau. Und das ist ein tolles Museum, aber ich denke, bezüglich Besucherzahlen ist da Luft nach oben und der Berg wird eben nicht als Ziel wahrgenommen. Man läuft immer vorbei, aber man geht nicht hoch.
So, dann kommt also das Museum Minsk, dann käme der neue Campus Brauhausberg. Dann kann man ja die Trasse noch weiter ziehen auf den Telegrafenberg. Und das ist eine grandiose Möglichkeit, drei und in Zukunft mit dem neuen Campus vier Wissenschaftsstandorte tatsächlich über eine Drei-Minuten-Verbindung zu verknüpfen.
Paul: Immer mit dem Einstein-Turm im Visier.
Günther: Genau. Eben mit dem Telegrafenberg, da ist jetzt das Geoforschungszentrum GFZ, da ist jetzt das AWI, das Alfred-Wegener-Institut, und da ist jetzt das PIK, das Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung. Drei Institutionen, mit denen wir sehr intensiv und gerne zusammenarbeiten.
Aber rauf und runter zu kommen, ist immer nervig. Entweder man läuft oder man fährt mit dem Rad. Fahrrad ist natürlich ganz okay; vor allem mit E-Bikes geht das. Oder du fährst mit dem Bus, das dauert aber auch 20 Minuten.
Ergebnis: Die Seilbahn ist eine sehr elegante Möglichkeit, einen gemeinsamen Wissenschaftsstandort zu schaffen, denn mit drei Minuten Seilbahn ist es praktisch eine Location. Und dann bist du morgens, abends sicher auch unterwegs in Richtung Hauptbahnhof.
Kurzum: Ich halte das für eine interessante Idee, die man sich einfach mal anschauen müsste. Viele haben so eine instinktive Reaktion: "Was soll dieser Blödsinn da? Seilbahn, das kenne ich vom Skifahren." Das ist eine völlig aberwitzige Gegenposition. Die Seilbahn ist Verkehrsmittel wie viele andere auch. Und deswegen muss es sich im Vergleich zu den Alternativen, die wir ja schon angesprochen haben - zu Fuß, mit dem Fahrrad, mit autonomen Kleinbussen - bewähren.
Paul: Weiss Hasso Plattner von dieser Vision?
Günther: Ich habe das in dem letzten Treffen der sogenannten Taskforce angesprochen, aber es sind erste Ideen, es gibt da noch keine gründliche Analyse. Deswegen würde ich auch selber nicht sagen "Die Seilbahn muss es sein". Ich sage nur: Man muss sich die Seilbahn genau anschauen. Und man muss eine vergleichende Studie anfertigen, die die unterschiedlichen Varianten gegeneinander stellt, die sich natürlich ergänzen könnten. Sie schließen sich ja nicht gegenseitig aus.
Paris als selbstbewusstes Vorbild
Paul: Paris hat gerade eine riesige nagelneue Seilbahn eingeweiht. Câble C1 verbindet die südöstlichen Vororte Villeneuve-Saint-Georges mit der Metrostation Créteil, wo ein direkter Umstieg in die Metrolinie 8 möglich ist, und überquert dabei die Gemeinden Limeil-Brévannes und Valenton auf einer 4,5 Kilometer langen Strecke.
Die Reaktionen der ersten Tage sind fast euphorisch - es sei denn, das Ding bleibt mal stehen in der Luft und wackelt dann ein wenig. Aber es scheint als Idee gar nicht länger fantastisch im Sinne von ein wenig verrückt. Vielleicht ist es ja wirklich eine Idee, deren Zeit gekommen ist, um Seilbahnen als normalen Bestandteil des öffentlichen Personennahverkehrs zu verstehen.
Herne in Westfalen plant ebenfalls eine Seilbahn und diese Stadt ist ja nun wirklich nicht mit Milliardärsspenden gesegnet. Einfach, weil es nicht nur Umwelt-, sondern auch finanzielle Vorteile hat.
In der jüngsten Sitzung der Kommission für Entwicklungsplanung und Finanzen hier im Haus war die Reaktion Ihrer Professoren und Professorinnen auf Ihre Seilbahn-Idee dem Vernehmen nach allerdings etwas zwischen einem spöttischen Lächeln und eher distanziertem Interesse. Kann es sein, dass in Ihrer Universität noch, sagen wir mal, ein gewisser Überzeugungsaufwand erforderlich sein wird, um der Seilbahn eine Bresche zu schlagen und ein Mindestmaß an Aufgeschlossenheit für neues Denken zu erzeugen?
Günther: Genau. Wobei: Andere reden von Flugtaxis.
Paul: Das wäre dann der Plan B?
Günther: Nein. (lacht) Flugtaxis sind hier sicherlich nicht die Lösung. Wobei: Ich habe auch nichts dagegen, wenn andere in anderen Kontexten auch darüber nachdenken, aber da ist die Seilbahn eine viel greifbarere Variante. Sie haben Herne angesprochen, ich hätte auch Heilbronn nennen können.
Man muss es einfach durchrechnen. Ich bin ja auch Mathematiker und Wirtschaftsingenieur. Man muss sich anschauen: Was ist die Kapazität, was sind die Kosten? Welcher Planungsprozess ist erforderlich, das ist wahrscheinlich das Schwierigste in einem sehr stark regulierten Deutschland, wo Bauten, die etwas vom Normalen abweichen, immer sehr aufwendig erst einmal in der Vorbereitung sind.
Wir sehen ja auch bei den autonomen Vehikeln, dass es alles nicht so einfach ist. Also ich glaube, eine Seilbahn wäre wahrscheinlich noch schneller umsetzbar als der Einsatz von autonomen Bussen in diesem Maßstab, in einem solchen doch komplexen Verkehrskonstrukt.
Paul: In Koblenz gab es einen Aufstand der Bürger, als nach der Bundesgartenschau von 2011 die Betriebsgenehmigung der Seilbahn über den Rhein hinweg zur Festung Ehrenbreitstein jetzt nach einigen Verlängerungen endgültig auszulaufen drohte. Die Koblenzer wollen ihre Seilbahn über den Rhein hinweg nicht mehr missen und jetzt ist der Betrieb behördlich mindestens bis 2030 gesichert.
Günther: Ja, es gibt solche und solche. Es gibt auch Anleger, die sagen "Lärmbelästigung", "die gucken uns rein, ins Badezimmer", "Schattenschlag", aber das lässt sich alles entkräften.
Paul: Auf Schattenschlag wäre ich jetzt nicht gekommen.
Günther: Ja, Schattenschlag. Sie wissen ja gar nicht, was ich so alles höre. Die Leute lassen sich schon was einfallen.

Historische Postkarte des Brauhausberges mit Königlich-Preußischer Kriegsschule von 1902.
Kummer mit maroder Bahnverbindung
Architektenwettbewerb findet nicht statt
Paul: Gut. Und wenn das Kleine nicht geht, eine kleine Seilbahnstrecke, vielleicht geht das Große? Denn es ist ja wirklich ein Graus, zu den üblichen Zeiten mit dem Auto oder auch mit dem Bus durch Potsdam zu fahren, um die anderen Campi zu erreichen.
Günther: Das stimmt leider.
Paul: Deshalb vielleicht gleich größer denken?
Günther: Ich dachte eigentlich, dass Sie so einsteigen würden: Warum braucht eine Uni vier Campi? Wir haben uns das natürlich nicht ausgesucht. Die Universität wurde 1991 gegründet. Und da wurde eben geguckt: Was gibt's für Flächen? Man hat damals glücklicherweise gleich groß gedacht. Man hat gedacht, diese Uni, die soll vielleicht schon mal 20.000 Studierende haben. Und man hatte 8000 am Anfang. Aber man hat gleich groß gedacht und das war gut.
Und man hat sich diese drei Standorte geschnappt: Golm - die alte Stasi-Hochschule, Neues Palais - die alte Pädagogische Hochschule, und Griebnitzsee - die alte Diplomaten-Hochschule. Und das war genau richtig, aber man bekam dann natürlich drei Standorte an der Peripherie der Stadt. Und deswegen habe ich 2011 noch Potsdamer kennengelernt, die wussten gar nicht, dass Potsdam eine Uni hat.
Ich habe dann sehr schnell dieses kleine Büro in der Wissenschaftsetage aufgemacht für die Uni, weil ich in der Stadt mittendrin sein wollte. Und jetzt haben wir eben die Möglichkeit, mittendrin einen richtigen Campus zu errichten. Und auch diese vier Campi liegen dann wie Perlen auf einer Perlenschnur.
Wenn du von Berlin kommst, liegen alle an derselben Bahnlinie. Das ist toll. Nur: Der Zug müsste natürlich viel häufiger fahren. Ich wohne ja in Berlin, fahre jeden Tag von Berlin nach Griebnitzsee, Potsdam Hauptbahnhof, also Brauhausberg, Sanssouci/Neues Palais und Golm. Perfekt. Man müsste aber die Frequenz verdichten, und wir wissen alle, wie schwierig das ist. Gerade wurde sie wieder ausgedünnt.
Paul: Was heißt das für die Seilbahn?
Günther: Die ist davon unabhängig. Die Seilbahn ist dann der Querträger sozusagen zu dieser Trasse. Für eine Verbindung der Campi ist eine Seilbahn wahrscheinlich zu langsam. Ich finde, wir haben da die Bahnlinie. Und die Bahnlinie sollte verdichtet werden.
Paul: Ja gut, die Bahn hat aber ein Patent darauf, unberechenbar geworden zu sein.
Günther: Jetzt gehen wir erstmal auf die kleine Lösung. Die ist aber ja auch finanziell machbar.
Paul: Was wird das kosten?
Günther: Ich höre unterschiedliche Zahlen. Also im niedrigen Bereich habe ich mal 15 Millionen gehört; das kommt mir jetzt sehr preisgünstig vor. Vielleicht sind es auch 25, ich weiß es nicht. Das müssen wir eben erstmal ermitteln. Und wir haben auch Kontakt, wir lassen uns beraten, wir wissen ja auch nicht alles. Wir sprechen mit Architekten wie Grüntuch/Ernst, wir sprechen mit Bauunternehmen wie Drees & Sommer, wir schauen mal, was die sagen.
Paul: Wenn die ersten Reaktionen auf Ihre Vision verhalten sind, lassen Sie sich von solchen ersten Eindrücken nicht abschrecken, sondern betrachten das als Brett, das man bohren muss - und dann mal schauen, wie dick es am Ende wird?
Günther: Wenn ich mich immer abschrecken lassen würde (lacht) von ersten negativen Reaktionen...
Paul: ...dann säßen Sie nicht mehr hier...
Günther: ...dann wären wir nicht, wo wir sind. Also deswegen produzieren wir solche Bilder (zeigt auf einen Katalog von Illustrationen). Das ist Grüntuch Ernst Architekten, die uns hier beraten, und Drees & Sommer haben wir, wie gesagt, jetzt auch noch herangebracht. Dann arbeiten wir natürlich eng mit Hilmer-Sattler-Albrecht zusammen, der Architekturfirma von Herrn Plattner, der Hasso Plattner Foundation. Dann der Bauunternehmer, von dem ich vorhin sprach: Jan Kretzschmar.
Im Augenblick sind wir in einer Phase des kreativen, offenen Austausches. Und das ist auch gut. Ein Architektenwettbewerb wird nicht stattfinden. Deswegen ist es wichtig, jetzt die unterschiedlichen Ideen einzubringen. Und dann im kommenden Kalenderjahr, angefangen mit der Sitzung am 29. Januar, auch unter Einbeziehung der Bevölkerung und der Studierenden, die besten Lösungen zu schaffen.
Beste Lösung heißt: funktional für die beiden großen Fakultäten. Funktional heißt: mit Wohnheimplätzen. Funktional heißt: mit städtischem Leben da oben. Und funktional heißt: mit einer Verkehrseinbindung, die es erlaubt, sicher und schnell rauf und runter zu kommen.
Paul: Nun haben die Studenten schon gleich Bedenken angemeldet, es seien viel zu wenige Wohnheimplätze dort oben geplant.
Günther: Ja, das Wohnheimthema ist auch komplex.
Paul: Heute sei es in Potsdam schon eine Katastrophe mit der Wohnsituation für Studenten.
Günther: Genau.
Paul: Und wenn dieser neue Campus kommt, dann sei die Krise komplett.
Günther: Ich kann Ihnen sagen: Ich habe schon in allerersten Diskussionen, Ende April, Anfang Mai, gesagt, um da oben Leben in die Bude zu bringen und um dem massiven Mangel an Wohnheimplätzen abzuhelfen, wäre es aus meiner Sicht sehr wichtig, dort oben ein paar hundert Wohnheimplätze zu schaffen.
Wir haben das in dieser frühen Phase des Projekts erstmal zurückgestellt, weil für Wohnheime das Studierendenwerk zuständig ist und die saßen damals noch nicht mit am Tisch. Aber es war völlig klar, dass nach der Abfassung des Letter of Intent und der Pressekonferenz im Juni dieses Thema nochmal aufgegriffen werden muss.
Es ist also nicht so, dass das dann reaktiv war, weil manche protestiert haben. Es war von den Akteuren - Staatskanzlei, Stiftung, Universität - klar: Dieses Wohnheimthema wird nochmal angefasst werden. Insofern waren wir da nicht in der Defensive.
Klar, mir haben natürlich dann Stadtverordnete und Studierendenvertreter gesagt: Ja, wo sind denn die Wohnheime? Völlig richtig. Und die Antwort ist: Es wird da Wohnheimplätze geben. Wenn es nach mir ginge, je mehr, desto besser.
Aber jetzt haben wir natürlich irgendwann auch ein Platzproblem. Die beiden großen Fakultäten, Juristische und WiSo, 6000 Studierende, zudem 1200 bis 1500 Mitarbeiter, die brauchen Platz.
Dann hätte ich da gerne Gastronomie, wir brauchen Mensa, Fitnessstudio, um auf dem Brauhausberg soziales Leben zu haben. Und jeder Wohnheimplatz bedeutet 22 Quadratmeter pro Person. Und jetzt schauen wir, wo die hinpassen.
Da fiel unser Blick (blättert in seinen Illustrationen) auf die von Grüntuch/Ernst eingebrachte Idee eines Sockelgeschosses. Wenn man die Unebenheiten des Geländes einebnet, natürlich gewässerschutzkonform und versiegelungskonform, dann kann man so ein Sockelgeschoss einziehen.
Paul: Also unterhalb der Beletage?
Günther: Unterhalb der Beletage. Ebene minus 0,5 wäre das dann.
Paul: Aber noch mit Tageslicht und keine Käfige.
Günther: Genau. Man sieht das hier ganz gut in dieser Visualisierung, wie das Tageslicht einfällt. Dann setzt man die Gebäude von Hilmer-Sattler-Albrecht auf einen solchen Sockel. Der schafft dann auch sofort Barrierefreiheit.
Paul: Also ein vollintegriertes Wohnen, Studieren, Forschen?
Günther: Das Wohnen ist dann die nächste Frage. Erst einmal geht es darum, Quadratmeter zu schaffen. Dieser Sockel schafft schon 20.000 zusätzliche Quadratmeter, damit ist das Platzproblem eigentlich gelöst.
Paul: Ach so - Sie wollen im Sockel nicht Studenten unterbringen, dass die in der Ebene minus 0,5 wohnen und darüber studiert und geforscht wird. Das klang eben so.
Günther: Nein, nein, nein, keine Missverständnisse. Aber das kostet natürlich auch Geld. Insofern müssen wir das mit Herrn Plattner und seiner Stiftung abstimmen. Aber das würde die Fläche schaffen. Dann kommen die Gebäude, die von Architekt Albrecht skizziert wurden, da oben drauf. Natürlich so, dass die Traufhöhe gewahrt ist. Das ist in Deutschland auch sakrosankt.
Und jetzt gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder das Wohnheim kommt in den Altbau. Dann bekommt das eine Anmutung von Hogwarts, der Schule für Hexerei und Zauberei bei Harry Potter. Oder wir geben dem Studierendenwerk eines der neuen Gebäude in die Komplettverwaltung und darin sind dann die Mensa und die Wohnungen. Das sind die beiden Versionen.
Paul: Nochmal zur Sicherheit: Es gibt einen Architektenwettbewerb oder es gibt keinen Architektenwettbewerb?
Günther: Es gibt keinen Architektenwettbewerb. Aber das Unternehmen, mit dem die Hasso Plattner Foundation zusammenarbeitet, HSA Hilmer-Sattler-Albrecht, ist ja bekannt auch als Architekt der Garnisonkirche und des Barberini-Museums. Die wurden aufgefordert, drei Entwürfe vorzulegen. Und diese drei Entwürfe werden dann am 29. Januar präsentiert.
Paul: Oh. Und da kommt Ihnen nicht irgendeine EU-Richtlinie in die Quere?
Günther: Nein, weil: es ist privat.
Paul: Begrenzte Ausschreibung? Noch nicht einmal das? Interner Wettbewerb sozusagen.
Günther: Ja, also, wobei, ich fand diesen Ansatz mit den drei Entwürfen aus einem Haus auch, ähm, ungewöhnlich.
Paul: Diplomatisch formuliert. "Originell" könnte man auch sagen (beide lachen).
Günther: Deswegen ist es eben jetzt wichtig, in diesen Prozess - und die HSA-Leute sind ja hochqualifizierte Experten - diese Ideen einzuspeisen. Die sind ja auch an der bestmöglichen Lösung interessiert. Niemand will eine Finanzamt-Architektur da oben hinstellen.

Neue schicke Uni anstelle Ruine
"Plattner will damit kein Geld verdienen"
Paul: Vielleicht können Sie glücklich sein, dass Sie es nicht mit einer internationalen Ausschreibung und fünf Jahren Wettbewerb und Streit und Auswahlprozess zu tun bekommen. Siehe Berlins historische Mitte, Molkenmarkt und so weiter, ein endloses Palaver mit ideologischem Grundsatzkonflikt.
Günther: Ich finde Architektenwettbewerbe eigentlich gut, aber Sie haben recht: Das ist ein extrem retardierender Faktor. Und wenn wir in fünf Jahren durch sein wollen und das will ich genauso wie Herr Plattner und das Land und die Stadt, dann ist das vielleicht wohl der bessere Weg.
Aber wichtig ist jetzt, Ideen zu generieren. Und deswegen kommen wir mit solchen Gedanken um die Ecke. Dass man ein bisschen out of the box denkt und sich überlegt: Wie kann ich, ohne jetzt völlig aus dem Kostenrahmen zu laufen, da wirklich etwas Großartiges schaffen?
Paul: Dieser Brauhausberg ist eine Landmarke. Der wird für Potsdam ein neues Zeichen setzen.
Günther: Ja. Da oben steht dann eben keine Ruine mehr, sondern eine schicke, schöne Uni.
Paul: Dieser leere Kreis am Turm, wo Hammer und Zirkel früher prangten - das ist ja der Status im Moment.
Günther: Genau, da könnte ich mir auch ein anderes Logo vorstellen.
Paul: Woran dachten Sie da so? (Günther lacht schallend, ahnend, was kommen wird) Hasso Plattner und Oliver Günther Hand und Hand...
Günther: Genau. Küssend! Wie Breschnew und Honecker.
Paul: Zu hohen Feiertagen anheimelnd illuminiert. Und wenn es mal Krach gibt (Günther lacht immer noch), kann man auch ein paar Blitze einblenden.
Ja, dann hoffen wir mal, dass beiden noch ein langes Leben beschieden ist.
Günther: Nein, im Ernst jetzt: Uns wird auch für diese wichtige Stelle eine seriöse und denkmalgerechte Lösung einfallen wie für den ganzen Brauhausberg.
Paul: Ich will nochmal zurückkommen auf diese Zeitachse. April, Mai 2025 und gleich die Landesregierung im Boot. Und jetzt am 29. Januar des Folgejahres, also in vier Wochen, werden schon Nägel mit Köpfen gemacht. Wie haben Sie das angestellt, was die Landesregierung angeht? Die Tür stand ja offensichtlich offen. Sie mussten keinen Rammbock benutzen, sondern einfach hineingehen - so klingt das jedenfalls.
Günther: Erstens haben wir sehr gute, gewachsene Beziehungen zur Landesregierung bis hin zum Ministerpräsidenten. Das sind sehr konstruktive, freundschaftliche Verbindungen. Man hat zwar manchmal auch Meinungsunterschiede, aber insgesamt ist das Zusammenwirken zwischen Universität, Landesregierung, Stadt und der Hasso-Plattner-Stiftung ausgezeichnet. Darum beneiden uns wirklich viele. Dass die Uni so eng mit der Landesregierung und dem Oberbürgermeister und jetzt mit der Oberbürgermeisterin, da wird sich das fortsetzen, zusammenarbeitet.
Und dieses enge Verhältnis hat sich jetzt bewährt. Da hat man dann eben schnell mal ein Treffen mit der Leiterin der Staatskanzlei, mit dem Ministerpräsidenten, mit Herrn Plattner, mit mir. Und dann ist man nach einigen Terminen auch wirklich durch. Und das war eine großartige Zeit - das waren drei Wochen, dann war alles klar.
Es gab auch wirklich keinen Grund dagegen. Sowas kostet Geld und Herr Plattner hat gesagt "Ich mach das". Warum sollte man etwas dagegen haben?
Es gab dann negative Äußerungen, aber die waren auch von Unkenntnis geprägt. Es wurde teilweise angenommen, es solle da ein Mietmodell entstehen. Stimmt gar nicht: Der Campus wird dem Land geschenkt, wenn er dann so steht.
Dann wurde vermutet, Herr Plattner wolle zusätzlich Geld verdienen - das ist völliger Quatsch. Herr Plattner hat 13 Milliarden. Da geht es nicht ums Geldverdienen, sondern es geht darum, mit diesem Geld Sinnstiftendes zu tun.
Deswegen konnten wir ja auch einige dieser Bedenken ausräumen. Wir hatten auch ein Gespräch mit den Studierenden, da haben wir noch einen Ideenwettbewerb veranstaltet.
Es gibt natürlich einige Bürgerinnen und Bürger, die sagen: "Ich will nicht, dass ein Milliardär sowas stiftet." Das sehe ich anders. Wenn die Freiheit von Forschung und Lehre und so weiter davon nicht berührt sind - und das ist sie hier nicht - und wenn aus Steuermitteln so etwas nicht möglich ist und ein wohlhabender Bürger dieses Landes sagt "Ich mach's dann", dann greife ich da auch zu. Auch als Beamter. Weil es dem öffentlichen Wohl dient.
Paul: Bei alledem war es sicherlich nicht hinderlich, dass der Ministerpräsident und Sie derselben Partei angehören?
Günther: Das hat keine Rolle gespielt. Aber die Tatsache, dass der Ministerpräsident und ich uns gut verstehen - die hat eine Rolle gespielt. Die Parteimitgliedschaft spielt da keine Rolle.
"Parteien werden Ernst der Lage erkennen"
Paul: Nur: Wenn Sie sich heute die Brandenburger Koalition aus SPD und BSW anschauen und die Krise, in die diese Koalition geraten ist - machen Sie sich dann Sorgen, wie diese Landesregierung heute in einem Jahr dastehen wird?
Günther: Nein, ich mache mir keine Sorgen. Ich denke, die kriegen das hin, weil beide Parteien wissen, was auf dem Spiel steht. Und dass Neuwahlen eigentlich niemandem eine bessere Situation versprechen.
Paul: Außer der AfD möglicherweise.
Günther: Für niemanden von denen, die im Augenblick in der Regierung sind und die im Augenblick das Sagen haben. Ich bin sehr zuversichtlich, dass es eben nicht wie bei der Ampel im Bund läuft, sondern dass die beiden Parteien und auch die Menschen, die Abgeordneten, die Ministerinnen und Minister, die da derzeit agieren, den Ernst der Lage erkennen und die Zusammenarbeit bis zum Ende der Legislatur fortsetzen.
Das will ja auch der Ministerpräsident und der Dietmar Woidke ist jemand, der den Laden zusammenhalten kann. Nicht aus Gründen des Machterhalts, sondern weil es für Brandenburg der beste Weg ist.
Paul: Ich habe mir angeschaut in einigen Auszügen, was Sie geschrieben haben letztes Jahr in Ihrem bereits erwähnten Buch "Die diverse Universität - Gefahr für die Demokratie oder Garantin des Gemeinwohls?". Haben sich die Universitäten, Herr Professor Günther, vielleicht sogar jene speziell im Großraum Berlin-Brandenburg, vom Normalbürger, wie immer man den definieren mag, so weit wegentwickelt, dass ein Unverständnis inzwischen herrscht zwischen diesen beiden Bevölkerungsgruppen?
Günther: Ja, das ist genau eine der zentralen Fragen, die in dem Buch diskutiert werden. Um die Antwort kurz zu fassen: In Deutschland ist diese Entfremdung noch nicht so weit fortgeschritten wie in den USA. In den USA ist diese Entfremdung sehr spürbar. Harvard ist ja nur ein Beispiel dafür, wie sich viele Hochschulen, also gerade auch die Elitehochschulen, von dem, was die Menschen im Land umtreibt, weit entfernt haben. Und damit meine ich nicht nur bildungsferne Milieus, sondern auch ganz normale Bildungsbürgerinnen und Bildungsbürger, Leute, die als Bürger Verantwortung tragen, aber die einfach nicht mehr verstehen, was die Hochschulen da umtreibt.
"Diversität nur eine Facette von vielen"
Ein Teil der Antwort ist, dass manche Hochschulen auch falsche Prioritäten gesetzt haben, aber vieles ist auch Außenkommunikation. Es ist ja nicht so, dass Harvard sich nur noch mit Diversität und Gendering beschäftigt.
Das ist eine Facette, die vielleicht etwas zu stark forciert wurde, aber in Harvard entstehen ja täglich großartige Erfindungen, Entdeckungen. Harvard trägt zum Gemeinwohl bei. Und das haben Harvard und vor allem ihre damalige Präsidentin eben nicht hinreichend verständlich und aktiv nach außen kommuniziert.
Paul: Ein reines Vermittlungsproblem?
Günther: Es ist eben ein Vermittlungsproblem. In Deutschland schüttelt vielleicht auch so mancher den Kopf, wenn er liest, dass wir hier All-Gender-Toiletten einrichten. Aber ich glaube, die Grundannahme, dass Hochschulen, gerade die öffentlichen Hochschulen, die wir in Deutschland im Wesentlichen haben, gut fürs Gemeinwohl sind, die wird nicht wirklich angezweifelt. Aber wir müssen den Anfängen wehren und immer wieder nach außen kommunizieren, warum wir tun, was wir tun. In Richtung AfD, aber nicht nur in diese Richtung.
Also: Warum lassen wir so viele ausländische Studierende zu? Warum erheben wir keine Studiengebühren? Warum promoten wir Diversität? Ja, das tun wir - welche Gründe gibt es dafür? Wie bereiten wir unsere jungen Menschen auf das Leben nach der Hochschule vor? All das sind Dinge, die wir immer wieder nach außen kommunizieren müssen. Und ich denke, das kann auch gelingen. Aber es ist eine stetige Herausforderung.
Wie gesagt: Wenn dann der Manager in Kansas oder der Bürgermeister von Dallas der Meinung sind, in Harvard werde nur Unsinn getrieben und man könne da seine Kinder nicht hinschicken, zumal es 100.000 Dollar pro Jahr kostet, dann sind wir auf dem Weg in den Abgrund.
Die Studiengebühren sind viel zu hoch in den USA, das ist absurd, aber dass die öffentlichen und auch die guten privaten Hochschulen zum Gemeinwohl beitragen, steht außer Zweifel. Und das haben viele nicht verstanden.
Dann kommt noch dazu, dass Trump diese Hochschulen unheimlich findet, weil sie nicht immer auf ihn hören. Und deswegen nutzt er diese Gelegenheit, dieses Grundmisstrauen und dann auch die ganze Antisemitismus-Thematik, um die Hochschulen auf ihren Platz zu verweisen.
"Bei Protesten klare rote Linien"
Paul: Warum hat es in Berliner Hochschulen Hörsaalbesetzungen von Freunden der Hamas gegeben und in Potsdam nicht?
Günther: Großstädte ziehen immer auch stärker extremistische Milieus von links und rechts an, weil die sich dort konzentrierter organisieren können. Insofern ist es da nicht immer gelungen, die roten Linien rechtzeitig zu ziehen. Aber auch die Berliner Kollegen haben dazugelernt und wissen, wie man Dialog gestaltet.
Und zwar nicht so, dass man jetzt wieder alles verbietet, das wäre ja auch furchtbar, sondern dass man eben klar sagt, alle Meinungen sind hier willkommen, egal ob pro-israelisch oder pro-palästinensisch oder pro-Netanyahu oder contra-Netanyahu, völlig egal. Das ist alles zulässig, solange die Form der Auseinandersetzung gewissen Mindeststandards genügt, also rechtskonform ist, keine persönlichen Beleidigungen und natürlich keine Sachbeschädigung impliziert.
Paul: Göttingen ist jetzt aber keine Großstadt in diesem Sinne. Und in Göttingen, deutlich kleiner als Potsdam, ist es mit der Meinungsfreiheit, sobald dort konservative Professoren oder Wissenschaftler einen Vortrag halten wollen, ganz schnell vorbei. Der Vortrag wird dann gesprengt. Auch das habe ich hier in Potsdam zum Glück bisher nicht beobachtet.
Günther: Ich habe keine Antwort darauf, warum wir so etwas hier nicht hatten.
Paul: Ich will das nicht herbeireden. Ich suche nur nach einer Erklärung, denn das könnte ja auch ein Beispiel sein, wie man es machen kann und wie man es nicht machen sollte.
Günther: Na gut, es ist ja ein stetiges Bemühen. Dass sich solche Probleme abzeichnen, das wissen wir auch schon seit zehn Jahren, nämlich seit die AfD im Landtag ist. Bis die Frage der Verfassungsfeindlichkeit der AfD aufkam, habe ich alle Abgeordneten des Landtags auch zum Neujahrsempfang eingeladen, wobei es beim Neujahrsempfang immer zu Demonstrationen kam, teilweise auch unter Gefahr der Eskalation. Insofern hatten wir so etwas schon in Potsdam.
Da war dann eben die Polizei vor Ort. Die Protestierenden sollten erst aus dem Hörsaal herausgehalten werden. Ich habe dann die Türen geöffnet, um Druck aus dem Kessel zu nehmen. Also es ist nicht so, dass hier nichts los ist. Es war schon allerhand an Auseinandersetzung zu beobachten.
Unser ständiges Streben war, in Zusammenarbeit mit den zuständigen Einrichtungen - deswegen kooperieren wir ganz offen auch mit Polizei und Verfassungsschutz - , hier maximale Kontroverse zu erlauben, aber gleichzeitig die roten Linien, so wie ich sie gerade skizziert habe, zu ziehen.
Paul: Also eine Demo im Saal mit Transparenten und so weiter, das geht für Sie noch in Ordnung, das ist noch diesseits der roten Linie?
Günther: Klar. Das sind jetzt nicht meine angenehmsten Momente, da vorne zu stehen und sowas zu erleben. Aber das spielt ja keine Rolle. Nein, das ist überhaupt kein Problem.
Paul: Nur wissen Sie, was mich neulich beeindruckt hat, genauer: bedrückt? Am letzten Samstag im November, Chorwochenende mit unserem wunderbaren Musikprofessor Kristian Commichau zu Proben für Joseph Haydns "Jahreszeiten" hier am Neuen Palais, steht direkt gegenüber der Mensa vor dem Abraham Geiger Kolleg den ganzen Tag lang ein Mannschaftswagen der Bundespolizei.
Wir haben uns bei den Beamten erkundigt, was sie dort tun. Ihre Antwort: Sie müssen auf die kleine Gruppe von Juden aufpassen, die sich dort versammelt hat, damit niemand auf die Idee kommt, sie anzugreifen.
Günther: Es ist furchtbar. Aber so ist es. Und da wir hier eine Jüdische Theologie haben, ist das notwendig. Jüdische Einrichtungen stehen seit Beginn dieser Republik unter Polizeischutz. Das ist leider so. Die Lage hat sich in den letzten Jahren verschlechtert; an den Universitäten vielleicht noch weniger als anderswo.
Der Antisemitismus ist ja an Universitäten unterdurchschnittlich ausgeprägt im Vergleich zur Gesamtbevölkerung. Es geht aber gar nicht darum, etwas kleinzureden. Die Lage ist sehr schwierig und Sicherheit geht vor. Und wenn sich abzeichnet, dass es eventuell zu Problemen kommen kann, dann sagen wir der Polizei, wie der Sachstand ist, und die Polizei entscheidet dann nach Lagebild, was zu tun ist.

Näher am Zentrum als die vorhandenen drei Campi: Brauhausberg
Illustration: Hasso Plattner Foundation
Mit Vater ins Ballett und zu den Stones
Oliver Günther über Jugend und Elternhaus
Paul: Vielleicht erlauben Sie mir gegen Ende unseres Gesprächs, Herr Präsident, noch eine Frage zu Ihrer Biografie. Helmut Günther, Ihr Vater, hat das absolviert, was man ein sehr ausführliches Studium generale nennen könnte: Geschichte, Germanistik, Anglistik, Sprachwissenschaft, Philosophie. Er wurde Lehrer und Studienrat.
Als Mitglied der Sozialistischen Arbeiterjugend kam er laut Wikipedia zum Volkstanz. In diesem Fach hat er einen ganzen Wissenschaftszweig aufgebaut. Sein Nachlass befindet sich heute im Deutschen Tanzarchiv in Köln. Sie sind auf die Welt gekommen als ältester Sohn, da war Ihr Vater schon 50 Jahre alt. Und nach Ihnen kamen noch...
Günther: ...meine beiden Brüder, die kamen noch später, genau.
Paul: Ja. Und dann haben Sie nur 22 Jahre mit ihm zusammen gehabt. Was war Ihr Vater für ein Mensch und was haben Sie von ihm mitgenommen? Er Tanzwissenschaftler und Sie Wirtschaftsinformatiker, das sind ja zwei wirklich verschiedene Felder, nicht zu sagen: verschiedene Welten.
Günther: Mein Vater war ein sehr toleranter Mensch.
Paul: Er scheint auch sehr vielseitig gewesen zu sein.
Günther: Sehr vielseitig, genau, aber klar geisteswissenschaftlich orientiert. Er war ja, wie Sie gesagt haben, im Hauptberuf Lehrer. Am Schluss hat er es auch noch zum Studiendirektor gebracht und ich habe ihn immer gefragt: Warum willst du nicht Schulleiter machen? Und er hat gesagt "Oli, hör bloß damit auf..."
Paul: A15, A16 - wenn man drei Söhne hat, kann man gar nicht genug Geld verdienen.
Günther: Mein Vater hatte nicht nur drei Söhne. Er hatte drei Töchter, drei Söhne und zwei Ehefrauen, eine frühere und eine jetzige. Und das war mit einem Gehalt nicht ganz einfach. Wir waren zwar nicht arm, aber wenn die Waschmaschine kaputtgegangen ist, war das schon eine große Krise.
Was meinen Vater vor allem interessiert hat, war die wissenschaftliche Arbeit. Heute würde er wahrscheinlich Professor werden, aber das ging damals nicht, es waren viele Personen zu ernähren, Promotion ist für ihn im Krieg ausgefallen, damals keine ganz einfache Biografie.
Er hat sich in der Zeit, in der dann unsere Familie im Zentrum stand, konzentriert, morgens Schule, dann kam er nach Hause und nachmittags und abends hat er geforscht und geschrieben. Das war eigentlich ganz normal für uns, aber im Rückblick schon ein ziemlicher Spagat. Meine Mutter hat die Manuskripte dann abends getippt und da saßen sie dann immer bis um halb elf an der Schreibmaschine und so sind diese Bücher entstanden.
Ich habe erst ganz spät, also in seinen letzten Jahren, begriffen, dass es nicht ganz normal ist, was da passiert, aber es war natürlich sehr anregend.
Er hat zwar überhaupt nicht verstanden, wieso ich jetzt in Richtung Mathematik tendiere und warum ich in Geschichte und Deutsch nicht besonders ausgewiesen bin und warum ich mir auch nix merken kann. Ich kann überhaupt nichts auswendig lernen. Nichts. Auch Musik nicht, dann brauche ich immer Noten, aber das war dann eben so. Und er hat ja gesehen, dass es bei mir schulisch ziemlich gut lief und dann war eben seine Devise: Lass ihn doch machen.
Paul: Nur: Mit den Stipendien, die Sie bekommen haben, können Sie ja nicht intellektuell ein völliger...
Günther: Nee.
Paul: ...Blindgänger gewesen sein.
Günther: Nein, ich war ein sehr guter Schüler und mir ging es dann gut. Mein Bruder, der am 1. Januar 60 wird, der war ein schlechter Schüler, hat gerade so das Abitur geschafft, aber er ist später noch Chefarzt geworden.
Paul: Aber Ballettunterricht wie Ihr Vater haben die Kinder nicht genommen?
Günther: Nein. Ich bin aber mit meinem Vater sehr viel ins Ballett gegangen. Das war das Stuttgarter Ballett mit John Cranko und Marcia Haydée. Meine Mutter musste sich um meine Brüder kümmern, deswegen bin ich mit meinem Vater ins Ballett gegangen. Sie wissen ja, ich bin sehr musikorientiert, aber Ballett hat mich nie so in seinen Bann geschlagen, das ist auch heute noch so. Ich gehe sehr gerne in die Oper und ich mache sehr gerne Jazz, aber auch das war okay.
Mein Vater hat mich zum Rolling Stones-Konzert mitgenommen, im Neckarstadion. Er war in der Stuttgarter Zeitung der Kritiker für alles Mögliche. Also alles, was die anderen nicht machen wollten, da hat er dann die Kritiken geschrieben. Ballett, außereuropäische Musik, Jazz-Tanz.
Paul: Das war seine Marktlücke auch als Journalist?
Günther: Ja. Jetzt, wo Sie so fragen, kommen die Erinnerungen hoch. Es gab die Stuttgarter Zeitung und die Stuttgarter Nachrichten. Bei der Stuttgarter Zeitung gab es den Horst Koegler, eine Legende als Ballettkritiker. Großartiger Typ, schwul, war ständig in New York, kannte die alle persönlich. Aber Koegler hat eben Ballett und Oper gemacht und alles andere war für Herrn Günther. Der war der freie Mitarbeiter und hat bestimmt jeden Monat zwei Kritiken geschrieben, auch Radio-Essays.
Paul: Das damalige Konzert der unzerstörbaren Rolling Stones führt uns wieder in die Gegenwart. Paul Kalkbrenner, Techno-Star und Produzent, kommt am 9. Mai hier zu Ihnen auf das Feld vor dem Neuen Palais, vor Ihrem Büro. Gehen Sie hin oder machen Sie einfach nur das Fenster auf?
Günther: Ich mag, was Paul Kalkbrenner macht, aber wir haben an diesem Tag den Potsdamer Tag der Wissenschaften. Ich hab mich ehrlich gesagt noch nicht schlau gemacht mit Tickets für hier. Aber jetzt, wo Sie das sagen, werde ich mir das noch überlegen, ob ich mir ein Ticket kaufe. Das ist ja abends.
Paul: Verdient die Universität wenigstens etwas, wenn sie schon ihre eigene Veranstaltung wegen Kalkbrenner überraschend nach Golm verlegen muss, durch die Verpachtung des Platzes?
Günther: Nein. Das geht an die Schlösser-Stiftung.
Paul: Zum Schluss, Herr Professor Günther: Ein wichtiger Wunsch für das kommende Jahr?
Günther: Neben dem üblichen, Glück und Gesundheit für Familie und Freunde: Hier ist natürlich der große Wunsch, dass wir im kommenden Jahr diesen Planungsprozess zur allseitigen Zufriedenheit abschließen können, um dann im Frühjahr 2027 den ersten Spatenstich zu setzen.
Paul: Und dass die Regierung hält, wenigstens in Potsdam, das gehört nicht zu den dringenden... nein, da sind Sie zuversichtlich.
Günther: Da bin ich zuversichtlich. Weil ja auch die menschliche Chemie passt. Und die Damen und Herren vom BSW sind ja auch in unser Projekt eingebunden. Der Finanzminister ist bekanntlich vom BSW. Der war natürlich Teil dieser sehr kleinen Runde ganz am Anfang, weil es da auch um Finanzfragen ging. Auch um die Frage: Was passiert mit dem Geld, das das Land erwirtschaftet durch den Verkauf der Liegenschaften am Griebnitzsee? Da wollte ich ja, dass es hier bleibt, in der Uni.
Paul: Sie sind schon interessiert daran, dass der Finanzminister an Bord bleibt, auch in Regierungsverantwortung?
Günther: Ich bin als Leiter dieser Hochschule überparteilich unterwegs, aber ich sehe eine Regierung, die trotz gewisser Schwierigkeiten, die immer dazugehören, vernünftig zusammenarbeitet. Und ich könnte mir auch gut vorstellen, dass es so weitergeht. Ansonsten gibt es da auch noch die CDU, aber schauen wir mal. Ich will eine stabile Regierung, mit der ich auch weiterhin so gut zusammenarbeite wie mit der jetzigen.
Paul: Vielen Dank.